Freitag, 17. Juli 2015

Das Alte behindert das Neue oder wie bewerte ich eine Firma anhand ihrer Lernkultur.

These: Menschen, die sich wohl fühlen, Menschen, die geachtet werden, schaffen beachtliche Software.

Neues zu lernen ist eines der wichtigsten Dinge im Leben eines Programmierers. Alles ändert sich - Vorgehensmodelle, Techniken und Sprachen. In traditionellen Gesellschaften haben die Jungen von den Alten gelernt. In unserer schnelllebigen Zeit müssen die Alten am Ball bleiben oder sie werden vom Zug der Zeit überholt und im schlimmsten Falle aussortiert. Solche Szenarien erzeugen Angst, und wo Angst herrscht, werden irrationale Verhaltensmuster geboren. In Firmen, wo die Alten auf Entscheidungsposten sitzen, kann es dazu kommen, dass sie sich vor Neuem schützen. Es gibt durchaus Firmen, in denen Techniken angewandt werden, die auch schon vor 20 Jahren modern waren. Dem Geschrei von schneller, weiter, höher entgegen, verkauft sich auch diese Software. Der Kunde dieser Produkte hat allzu oft keine Vorstellung von der Leistung, die er für sein Geld bekommt. Softwarefirmen vermögen es in vielen Fällen selbst nicht, die Leistungszunahme durch neue Techniken zu bewerten. Wie sollen Endkunden es da schaffen, einzuschätzen, wie viel Software man für sein Geld bekommt?

Wozu ist beispielsweise ein Team von 5 Entwicklern über einen Zeitraum von einem Jahr fähig? Nehmen wir an, ein Entwicklertag kostet 800 € und ein Entwicklerjahr hat 160 Entwicklertage. Schnell hat man einen Softwarepreis von 640.000 € berechnet. Doch wie viel Funktionalität bekommt man für dieses viele Geld? Stellen Sie sich vor, mit der Technik A schaffen die Entwickler 250 Anwendungsfälle pro Jahr, mit der Technik B jedoch 500 Anwendungsfälle. Natürlich möchte der Endkunde dann die 500 Anwendungsfälle. Doch woher weiß er von der legendären Leistungsfähigkeit der zweiten Technik? Meist vom Verkäufer der Software selbst. Beherrscht dieser Technik B nicht, wird er dem Kunden auch nichts über Technik B erzählen. Für den Kunden hat Software etwas Magisches. Wie viele Bits sich in welcher Qualität aneinanderreihen, ist selbst für den Fachmann schlecht einzuschätzen. Meiner Meinung nach gibt es bessere Möglichkeiten, Softwarefirmen und ihre Produkte zu bewerten.

Die erste Frage wäre die nach der Lernkultur. Wie viel Zeit gesteht die Firma ihren Mitarbeitern zu, sich neues Wissen zu erarbeiten und welche Möglichkeiten bietet sie dazu? In einer Kultur der Angst ist es den Mitarbeitern überlassen, sich neues Wissen anzueignen. Man ist stolz auf viel wissende Einzelgänger, die den anderen als Überflieger entgegengehalten werden. Seht ihr, es geht doch. Ihr seid nur zu faul, euch neues Wissen in eurer Freizeit anzueignen. Für eure Marktfähigkeit seid ihr verantwortlich. Der Arbeitstag wird zu einhundert Prozent für das Tagesgeschäft benötigt. Selbst das Ausprobieren neuer Techniken ist nicht Bestandteil des Arbeitstages. Der Mitarbeiter einer solchen Firma muss auf Bestandsschutz setzen. Entweder er mobbt das Neue weg oder er wird weggemobbt.


Eine Firma mit einer positiven Lernkultur muss das Lernen im Team verankert haben. Die wichtigste Grundlage ist, wie immer, gegenseitige Achtung und das Wissen, dass jeder vom anderen etwas lernen kann, selbst der Klügste ist davor nicht geschützt. Wirkliche Klugheit weiß um den Wert der Erfahrung des Anderen und kennt die eigenen Wissenslücken. Diese Atmosphäre der Achtung kann man nur spüren, sie ist nicht in Zahlen messbar. Es gibt jedoch Messbares. Ein Mitarbeiter einer solchen Firma sollte das Recht auf zwei einwöchige bezahlte Weiterbildungen im Jahr haben. In den Arbeitsverträgen solcher Firmen sollten keine Klauseln stehen, nach denen solche Weiterbildungen in bestimmten Kündigungsfristen zurückgezahlt werden müssen. Diese Klauseln verhindern, dass Mitarbeiter solche Bildungsmöglichkeiten nutzen. Auch decken solche Klauseln das allgemeine Misstrauen auf, auf dem die Kultur einer solchen Firma gründet. Eine gute Lernkultur kann niemals auf Misstrauen gründen.

Lernen ist Freiraum auszuprobieren, Geld und Zeit zum Erwerben von Wissen und achtungsvoller Austausch mit Anderen. Wir brauchen also ein Team, externe und interne Weiterbildungen, Zeit und Ruhe zum Spielen mit den neuen Techniken. Eine Firma muss rund zehn Prozent der Arbeitszeit dafür zur Verfügung stellen. Diese Zeit muss Arbeitszeit sein. Lernen muss Bestandteil des Jobs sein und nicht in die Freizeit exportiert werden. Lernt man in seiner Freizeit, ist das Privatvergnügen, zu dem nicht jeder Zeit hat. Auch gibt es viele, die diese Zeit nicht aufbringen können, weil sie anderen Verpflichtungen nachkommen müssen. Ein Desinteresse an solchen Zusammenhängen zeugt von Verantwortungslosigkeit. Mitarbeiter müssen in ihrem Interesse für die Durchsetzung einer solchen Kultur eintreten. Ein Kennzeichen für Lernunkultur sind Großraumbüros. Zum Lernen sind Phasen des Nachdenkens, der Ruhe und des unbeobachteten Ausprobierens notwendig. In Großraumbüros ist man ständiger Überwachung ausgesetzt. Leistung entsteht jedoch nicht durch Überwachung. Leistung entsteht durch Vertrauen, durch Freude an dem, was man tut oder sie entsteht gar nicht.

In wenigen Stunden können Sie sich einen Überblick über die Lernkultur einer Firma verschaffen. Lassen Sie sich die Bibliothek einer Firma zeigen. Welche Bücher befinden sich im Schrank oder im Ebookverzeichnis? Lassen Sie sich den Plan für interne und externe Weiterbildungen zeigen. Nehmen Sie an einer solchen Weiterbildung teil und machen Sie sich ein Bild über den Ablauf. Sehen Sie sich die Dokumentation zu den Weiterbildungen an. Wird das Wissen aufgearbeitet, in den Teams reflektiert? Gibt es kleine Testprojekte? Ist die Raumstruktur der Firma zum Lernen geeignet? Sehen Sie (beschriebene) Whiteboards oder andere Lern- und Diskussionsmittel? Nur eines sollten Sie nicht machen. Vertrauen Sie keinen Zertifikaten. Diese kosten viel Geld und zeigen die Realität der Firma meiner Meinung nach in den seltensten Fällen. Vielleicht kann man das so global nicht behaupten, es ist jedoch mehr oder weniger meine Erfahrung, über die ich gestolpert bin. Die eigenen vier Augen und reflektierte zu beobachtende Anhaltspunkte überzeugen mich mehr als ein Stück Papier an der Wand, mit dem man sich die Freiheit gekauft hat, gut zu sein.

Kommen wir zurück auf den Gegensatz zwischen Alt und Jung. In einer gut entwickelten Lernkultur wird dieser Widerspruch verwischt. Man lernt und entwickelt sich ständig weiter, entwickelt Freude am Neuen und kann sich auf das Wissen und die Hilfe der Kollegen verlassen und darauf, dass Wissenslücken akzeptiert werden. Eine Lücke wird zur Herausforderung, die in gemeinsamer Arbeit geschlossen wird. Eine Hierarchie, in der Alt über Jung herrscht, sollte eingerissen werden. Auch der umgekehrte Fall gehört nicht geduldet. Machtebenen, die dem Wissen entgegen stehen, behindern eine achtungsvolle Lernkultur.

In einer ersten Bewertung einer Firma, die für mich Software erstellen soll, würde ich also ihre Lernkultur untersuchen. Sie wirft ein helles Licht auf das Innere und zeigt frühzeitig Verfall und Irrtum. Sie zeigt den Umgang mit Neuem, den Umgang mit Mitarbeitern und die Fähigkeit selbst zu reflektieren und nicht auf ewig dem Alten verpflichtet zu sein.

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Kommentare:

  1. "Eine gute Lernkultur kann niemals auf Misstrauen gründen."
    +1

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  2. So einfach und doch so fern....

    Manchmal reicht ein spannender Artikel um festzustellen, warum die eigenen Bemühungen nicht fruchten wollen.

    Danke für die Einsicht und den Artikel :)

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  3. Es braucht aber auch das passende Team dazu, damit das greifen kann

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