Freitag, 8. Mai 2015

Wie lange braucht es, neue Mitarbeiter in einen apathischen Zustand zu versetzen?

These: Menschen, die sich wohl fühlen, Menschen, die geachtet werden, schaffen beachtliche Software.

Ein langjähriger Mitarbeiter verlässt die Firma, ein neuer Mitarbeiter wird gebraucht. In einer anderen Abteilung soll das Geschäft ausgeweitet werden. Neue Mitarbeiter verstärken das Team. Leider bleiben in beiden Fällen die erhofften Wirkungen aus. Der neue Mitarbeiter kann den alten Mitarbeiter nicht ersetzen und die Teamverstärkung behindert die alte Mannschaft. Situationen, die nicht selten in Betrieben auftreten. Man denkt, man kann Menschen wie Figuren auf Felder abstellen und sie funktionieren. Doch so wird dieses Spiel nicht gespielt. Neue Mitarbeiter einzustellen ist die eine Sache, sie im Betrieb in die Lage zu versetzen, produktiv zu sein, eine ganz andere. So etwas muss geplant und begleitet werden.

Einen neuen Mitarbeiter in die Lage zu versetzen, effektiv für ein Projekt zu arbeiten, erfordert ein eigenes Projekt, das Projekt der Einarbeitung. Betriebe, die die Einarbeitung von Mitarbeitern vernachlässigen, verschleudern Unmassen von Geld. Sie zwingen den Neuen zum Durchkämpfen und der sinnlos schwierigen Selbstaneignung des erforderlichen Wissens. Auf diesem Weg stolpert er über fehlende Dokumentationen, monolithische Architekturen und im Tagesgeschäft ertrinkenden Kollegen. Hat der Betroffene es dann endlich geschafft, ist er vom Betrieb enttäuscht und wird ihm bald den Rücken kehren oder er fordert von Nachfolgern die selben Mühen und treibt das böse Spiel weiter. Die verlorene Zeit wird nirgends vermerkt, wohl aber wird die Zeit möglicher Einarbeitung als verlorene Zeit gegengerechnet.



In meinen Gedanken gehe ich davon aus, dass eine gezielte Einarbeitung schneller vonstatten geht, als das Suchspiel, welchem allein gelassene Neulinge in den Wirren einer neuen Umgebung überlassen sind. Natürlich müsste man diesen Beweis antreten, aber schon die Intuition sagt uns, dass gezielte Vermittlung von Wissen schneller funktioniert, als Neulinge sich selbst zu überlassen. Stellen Sie sich eine solche Vorgehensweise im normalen Bildungswesen vor. Lehrer und Professoren kommen nur zur Schule, wenn sie Lust oder ausnahmsweise Zeit haben, es gibt keine Schulbücher und keine Lehrpläne.



Will man einen neu Eingestellten schnell zu einem produktiven Teammitglied aufbauen, ist man in der Pflicht. Des Neuen Aufgabe ist es zu lernen. Wird ihm nichts geboten, kann er kaum lernen. Er sucht aus Angst nicht zu bestehen, nach Lernbarem. Dieser Vorgang wird oft als Einarbeitung aufgefasst. Dieser Akt ist jedoch extrem unhöflich und unprofessionell. Professionelle Einarbeitung sieht anders aus. Wenn Einarbeitung ein Projekt ist, dann gibt es ein Ziel, eine Vorbereitung, eine Durchführung und eine Nachbereitung.

Warum stelle ich einen neuen Mitarbeiter ein? Ein Grund könnte die Verstärkung eines Teams sein. In diesem Team werden ganz bestimmte Fähigkeiten benötigt. Welche sind das? Habe ich diese Frage beantwortet, kann ich gezielt nach geeigneten Persönlichkeiten suchen. Sie werden nie alle meine Anforderungen erfüllen. Also werde ich Kompromisse eingehen müssen. Es gibt einige Techniken, die ich mir gewünscht habe, die leider so nicht zu finden sind. Erster Wissensvermittlungsbedarf ist entstanden. Diese Zeit muss geplant werden. Das fachliche Umfeld der meisten Firmen ist ein ganz spezifisches. Neulinge haben sich mit diesem Fachkontext nicht auseinandergesetzt. Auch hier müssen Zeit und Mitarbeiter geplant werden.

Wie ist die Firma auf den Neuling vorbereitet? Trifft er auf eine saubere Dokumentation, die sowohl einen Blick aus der Vogelperspektive erlaubt, als auch die tiefe Einarbeitung in spezielle Gebiete? Kann man sich schnell an Fachgrafiken (UML, ER, MPMN) orientieren, gibt es eine Dokumentation der Klassen und Methoden (Javadoc), sind Techniken und ihr Einsatz erläutert? Wenn es eine solche Dokumentation gibt, kann der neu Eingestellte nach vorbereiteten Einführungsvorträgen dem gezielten Studium dieser Artefakte überlassen werden. Fragen werden in Nachbereitungen geklärt. Der Neue muss um diese Zeiten nicht betteln, sie sind im Einarbeitungsplan reserviert und die Verantwortlichen für die Einarbeitung sind bestimmt.

Zur Vorbereitung auf neue Mitarbeiter gehört also eine Menge von Dingen. Auch die spezielle Begrüßungssituation spielt eine große Rolle. Wo soll der Neue sitzen? Ist sein Rechner eingerichtet worden? Mit welchen Tools wird im Betrieb gearbeitet und welchen Zeit- und Mitarbeiteraufwand bedeutet die Einarbeitung in diese Tools? Welche Prozesse werden im Betrieb gelebt? Nicht vermittelte Prozesse und Tools werden ignoriert. Sind die anderen Mitarbeiter auch auf eine herzlose Weise eingearbeitet worden, sind Prozesse nur noch Namen, aber keine Arbeitsabläufe mehr. Das Tool ist nur noch ein Icon auf dem Desktop.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen in einen neuen Betrieb, auf Ihrem Schreibtisch steht ein Blumenstrauß und Ihre neuen Kollegen begrüßen Sie in einer kleinen Runde. Danach wird Ihnen ein sauber installierter Rechner geboten und ein Plan, an dem Einarbeitungsstunden in Bezug auf Tools und Prozesse stattfinden. Außerdem sind zwei externe Kurse geplant, weil Sie spezifisches Fachwissen benötigen. Im Kollegenkreis ist ein Pate für Sie verantwortlich. In einigen Einführungsvorträgen wird Ihnen die Architektur erklärt. Kleinere Aufgaben, die im Pair Programming erfolgen, bringen Sie mit dem Code in Berührung. Das Firmenwiki präsentiert Ihnen gut lesbare Dokumentationen. Nach und nach werden Sie ein vollwertiges Teammitglied, welches immer schwierigere Aufgaben lösen kann. Da Ihnen ein freundlicher Weg in Ihren Arbeitsalltag geboten wurde, werden auch Sie das tun. Denken Sie, das ist utopisch? Ich denke, eine solche Vorgehensweise wäre geboten und notwendig. Neben einer spezifischen Menschlichkeit wäre dieser Weg auch ökonomischer, als die selbst überlassene Einarbeitung.



Natürlich machen Menschen Fehler. Auch auf einen gut geplanten Weg der Einarbeitung gehen Dinge besser zu machen. Fragen Sie den neuen Mitarbeiter, an welchen Stellen Dokumentationen unsauber oder überfordernd waren. Es gibt eben nicht nur blöde neue Mitarbeiter, sondern durchaus auch schlecht geschriebene Dokumentationen und schlechte Architekturen, auf die die Neuen treffen können. Doch man kann sich mit Ihnen zusammen auf den Weg der Besserungen machen und dazu sind Neue gute Kontrolleure. Ist man lange in einer Firma, ist man für viele Dinge betriebsblind geworden, man richtet sich ein. Statt den Änderungswillen des Neuen zu stoppen, sollte man sich gemeinsam auf die Reise machen.

Statt also neue Mitarbeiter immer wieder an die Wand laufen zu lassen, so dass sie nach kurzer Zeit dieselbe Apathie befällt, wie so manchen Altvorderen, kann man voneinander lernen und so spannendes Neues erleben, neue Wege gehen und dabei wirkliches Teamverhalten leben.

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